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RÉQUICHOT

31.01.2026 - 11.04.2026
Galerie Michael Werner Berlin
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Die Galerie Michael Werner freut sich, die Ausstellung RÉQUICHOT zu präsentieren. Begleitend zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit Texten von Philippe Dagen, Stefan Ripplinger, Gérald Moralès und Roland Barthes.

Die Ausstellung öffnet am 30. Januar 2026 für das Publikum und wird bis 11. April diesen Jahres zu sehen sein. 

Der französische Künstler und Schriftsteller Bernard Réquichot (1929–1961) entzieht sich bis heute jeder eindeutigen Verortung. Sein Werk erscheint weniger als abgeschlossenes Œuvre denn als Spur, als tastender Versuch, dem Bild einen Ort jenseits des Sichtbaren zu geben. Trotz – oder gerade wegen – seiner kurzen Schaffenszeit, die durch einen Sturz aus dem Fenster seines Ateliers in Paris ein frühes Ende fand, hinterließ Réquichot eine radikale Befragung der Malerei, deren Tiefe und Vielseitigkeit bis heute irritiert.

In den Jahren seiner Ausbildung schuf er mit Vanité (1952) Bilder von religiöser Inspiration, beteiligte sich an der Restaurierung romanischer Fresken, die nachhaltige Spuren in seinem Werk hinterließen, eignete sich in den 1950er Jahren kubistische Techniken an und schuf seine ersten abstrakten Gemälde, darunter Le tombeau de William Blake (1954). Dieses Bild verweist einerseits auf William Blakes Illustrationszyklus The Grave, der unter dem Eindruck des gleichnamigen Gedichts von Robert Blair entstand, andererseits auf ein Todesverständnis, das nicht als Ende, sondern als Übergang gedacht ist: als Befreiung und Eintritt in eine tiefere, grenzenlosere Wirklichkeit. Insofern verwundert es kaum, dass Réquichot in einem Brief vom 11. Januar 1954 ausdrücklich auf Blakes Bilder und Dichtung Bezug nimmt.

Réquichot gehört zu jener raren Spezies von Künstlern, die ihre Bildsprache konditionieren, indem sie eine genuine Bildsemantik entwerfen. Diese ist nicht an der Oberfläche von Malerei oder Denkraum angesiedelt, sondern zunehmend ritualisiert mit dem Anliegen verbunden, malerische Grenzen auszuloten und das Unbeschreibliche zu formulieren. Die Flucht in den Bildraum wird zum Absturz aus dem Lebensraum und zugleich zur Einkehr in ebendiesen Bildraum. Indem Réquichot in ein tiefreichendes Selbstgespräch eintritt, um den inneren Raum dessen zu vergrößern, was Malerei zu leisten vermag, orientiert er sich an eigenen Beseelungsvorgängen, in denen der Tod keinen Bruch, sondern einen Wandel von Formen, Rhythmen und Bewusstsein darstellt. Diese entstehen in Réquichots Bildwelten durch innere Handlungen und nicht durch die Verunklärung von Religion.

Seine Bilder und Texte sind Überhöhungen, die sich mit der Zeit imprägnieren; er warnt davor, wenn er sich irrt oder zweifelt, und wusste um Blaise Pascals Diktum, dass niemand so arm stirbt, dass er nicht irgendetwas hinterlässt. Für Walter Benjamin gibt es ohne den Tod keine wirkliche Erzählung, nur Information. Sein 1936 erschienener Text Der Erzähler wird zum Maßstab für den Verlust von Sinn in der Moderne. Wo Benjamin den Tod als Ursprung der Erzählbarkeit denkt, zeigt Réquichot jenen Punkt, an dem das Erzählen zerfällt und nur noch Spuren bleiben. Nur wenige Maler sind dieser malerischen Spur kompromissloser gefolgt, sobald das Selbstverständliche fremd und das Unverständliche anmutet.

An dieser Stelle setzt Réquichots Werk ein.

In seinen Collagen aus den Jahren 1957 bis 1960 ergründet Réquichot eine Form von Antikörperqualität, ausgehend von der Annahme, dass die Gedanken des Menschen über Kultur, Kunst und Gesellschaft ihre Geburtskammer in der Einsamkeit des Individuums finden. Seine künstlerische Beobachtung kann eine beinahe mystische Tiefe erreichen, die Claude Lévi-Strauss als Theorie des „wilden Denkens“ bezeichnet hat. Die Bildgegenstände verlieren ihren Namen: Schatten und Helligkeit bilden eigenständige Systeme, stellen Fragen, die keiner Wissenschaft verpflichtet sind, sich auch keiner Praxis zuschreiben lassen, sondern ihr Dasein und ihren Wert ausschließlich aus jenen Akkorden beziehen, die sich zwischen Seele, Auge und Hand bei Réquichot einstellen.

Bereits zu Lebzeiten muss ihm bewusst gewesen sein, dass der Tod die Sanktion all dessen ist, wovon ein Künstler berichten kann. Vom Tod hat sich Réquichot seine künstlerische Autorität geliehen. Mit anderen Worten: Es ist die Naturgeschichte, auf die seine Bilder – und in besonderer Weise sein Reliquaire wie Nokto Keda Taktafoni (1959–1960) – zurückverweisen. Der Rückgriff auf ephemere Ausdrucksmittel sogenannter Primitivkulturen, etwa Knochen, richtet sich gegen eine perfekte Ausformulierung und verweist auf eine individuelle Kultstätte, die erstmals auf der 5. documenta (1972) unter dem Begriff der „Individuellen Mythologien“ offiziell benannt wurde.

Insofern begegnet uns Réquichot als Vorbote und Außenseiter zugleich: als ein Künstler, der bereits drei Jahre nach seinem Tod auf der documenta 3 (1964) im Verborgenen eine andere Hierarchie der Malerei entwirft. Seine Bildwelten konfrontieren uns bis heute mit etwas Unbeschreiblichem in seiner lebendigen Wirksamkeit: mit etwas, das sich nicht festhalten lässt, weil es weder dem Leben noch allein dem Tod zuzuordnen ist. Ein Leben künstlerisch so zu erzählen, wie Réquichot es tat, hebt die Grenze auf, an der beides sich gewöhnlich trennt.

                                                                                                          

Die Ausstellung RÉQUICHOT öffnet am 30. Januar 2026 für das Publikum und wird bis zum 11. April des Jahres zu sehen sein. Begleitend zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit Texten von Philippe Dagen, Stefan Ripplinger, Gérald Moralès und Roland Barthes.

Öffnungszeiten der Galerie sind von Dienstag bis Freitag von 11 bis 18 Uhr sowie am Samstag von 10 bis 16 Uhr.

Wenn Sie mehr Informationen wünschen, wenden Sie sich bitte an die Galerie über galeriewerner@michaelwerner.de oder besuchen Sie www.michaelwerner.de.

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Galerie Michael Werner

Hardenbergstr. 9a 
10623 Berlin 
Telefon: +49 30 31491880 
E-Mail: galeriewerner@michaelwerner.de

Öffnungszeiten: 
Dienstags bis Freitags 11 - 18 Uhr 
Samstags 10 - 16 Uhr

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